Meinung: Über die Revolte, oder: Was Trump und Holm eint.

von AK Gesellschaftskritik

Vor vier Tagen, am 20.01.2017, wurde Donald J. Trump, der nach der Veröffentlichung seiner sexistischen Ausfälle bereits als abgeschrieben galt, zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Weltweit gingen Menschen zu Hunderttausenden auf die Straße um ihren Unmut darüber auszudrücken, vereinigt unter der Frage „Wie konnte das bloß geschehen?“ Sofern sie sich die Frage nicht umgehend durch antiamerikanische Ressentiments selbst beantworteten, sondern sich des Vormarschs rechtspopulistischer Bewegungen in Europa, von Orban über die AFD bis zum Front National unter Marine Le Pen in Frankreich, gewahr wurden, haben die Soziologen und Politiker der herrschenden Verhältnisse die Antwort parat: es sind die zu kurz Gekommenen, die Angst vor dem Fremden haben. Jene, die sich nach einem starken Mann sehnen, der alles wieder richtet und fälschlicherweise die verantwortlich machen, die doch am allerwenigsten dafür können: nämlich jene, die noch weniger haben.

So sehr diese Feststellungen auf der Erscheinungsebene stimmen mögen und die entscheidenden Ursachen des offen zu Tage tretenden Rechtsrucks in den westlichen Gesellschaften zumindest ankratzen, als so ungenügend erweisen sie sich, wenn man sich die realpolitischen Konsequenzen, die daraus gezogen werden, anschaut. Während die einen den ewig Rückständigen mit „BUNT statt BRAUN“-Schildern endlich klarmachen wollen, dass der Islam jetzt zu Deutschland gehört und Multi-Kulti der Volkswirtschaft tatsächlich auch zuträglich ist, merken die anderen, dass man da irgendwo jemanden (weiß, männlich, arbeitslos und alkoholabhängig) vergessen habe, der endlich wieder mitgenommen werden muss. Letztendlich also eine Frage mangelnder Aufklärung und sozialpolitischer Makulatur.

So ehrenwert diese Versuche im Einzelnen sein mögen, so sehr zeugen sie von einem Unverständnis von den gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich mit der ursprünglichen Akkumulation im 16. Jahrhundert begannen durchzusetzen und in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg in dem kulminierten, was Guy Debords, der Wortführer der Situationistischen Internationale, als die „Gesellschaft des Spektakels“ bezeichnete. So schreibt Anselm Jappe: „According to Marx, money accumulated beyond a certain threshold is transformed into capital; according to Debord, capital accumulated beyond a certain threshold is transformed into images.“ Zu deutsch: „Das Spektakel ist das Kapital, das einen solchen Akkumulationsgrad erreicht, dass es zum Bild wird.“ Der Fetisch kapitalistischer Gesellschaften hat sich potenziert und die ungeheure Warensammlung in einer ungeheuren Sammlung von Bildern aufgehoben. Sie ist dabei jedoch „nicht ein Ganzes von Bildern, sondern ein durch Bilder vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis zwischen Personen.“ Hiermit sind also keineswegs bloß die Auswüchse im Pay-TV, der Werbung und den Konsumorgien des Black Fridays gemeint, sondern eine gesellschaftliche Totalität, die alle zwischenmenschlichen Beziehungen in sich einschließt. Die Gesellschaft des Spektakels bezeichnet also ebenso wie die Kulturindustrie bei Theodor W. Adorno und Max Horkheimer nicht eine abgetrennte Sphäre, die es einfach abzuschaffen gelte, um die wahren Beziehungen der Menschen wieder zum Vorschein kommen zu lassen, sondern formt alle zwischenmenschlichen Beziehungen nach ihrem Bilde. „In der Tat ist es der Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis, in dem sich die Einheit des Systems immer dichter zusammenschließt.“ Nirgendwo wird dieses „durch Bilder vermittelte gesellschaftliche Verhältnis“ heutzutage deutlicher als in der scheinbar größtmöglichen Unmittelbarkeit zweier Menschen, im Sexualakt, der sich an den Bildern der omnipräsenten Porno-Industrie ausrichtet.

Nimmt man die Gesellschaftsanalysen Adornos und Horkheimers sowie die der Situationistischen Internationale zum Ausgangspunkt, wäre die Frage bezüglich des Wahlsiegs Donald Trumps anders zu stellen. Die Frage, „wie es so weit kommen konnte?“, wäre durch die Frage „was verraten uns diese und ähnliche Ereignisse über die Konstitution der gesellschaftlichen Verhältnisse?“ zu ersetzen. Wie Freud sich über die Hysterie einen Zugang zur menschlichen Psyche und den Auswirkungen der Sexualmoral seiner Zeit auf diese verschaffte, wäre der Zeitkern des andauernden Spektakels vielleicht nur noch über Känguru-Hoden essende C-Promis und den locker room talk eines Donald J. Trumps zu erschließen. Die oberflächlichen Analysen positivistischer Soziologen bezüglich dessen Wahlsieg müssten zugleich in Vermittlung mit einer radikalen Kritik der Gesellschaft des Spektakels gesetzt werden. Die Ware, beziehungsweise der von Debord entwickelte Begriff des Bildes bleiben die Universalkategorie, die gesellschaftliche Totalität konstituiert. Darauf ist gegen Positivismus und Postmoderne zu insistieren.

Guy Debord: „Die durch das Spektakel prinzipiell geforderte Haltung ist diese passive Hinnahme, die es schon durch seine Art, unwiderlegbar zu erscheinen, durch sein Monopol des Scheins, faktisch erwirkt hat.“ Die Aussage Trumps „to make America great again“ trifft damit ein Bedürfnis, das eine Gesellschaft, die ihre Mitglieder zur bloßen Kontemplation und der Akzeptanz der Auswüchse einer zur zweiten Natur gewordenen Gesellschaft zwingt, konstitutiv und in Permanenz hervorbringt. Angesichts der Ohnmacht gegenüber der aufgezwungenen Passivität, die auch durch ein iPhone 17 nicht wett gemacht werden kann, bleibt nur der Ruf nach einem – sich zu einer Art Gottheit stilisierenden – starken Mann, der sich bei Fortbestand der eigenen Passivität um den ganzen Unmut angesichts der eigenen Nichtigkeit kümmert. Kontemplation und der autoritäre Charakter bedingen sich wechselseitig.

Der Grund der sich Alltag nennenden Misere ist dabei immer schon im Fremden gefunden worden. Die zwischenmenschliche Kälte einer Gesellschaft, in der sich „jeder zu wenig geliebt fühlt, weil keiner mehr lieben kann“ (Adorno) macht die Verarbeitung der eigenen Unzufriedenheit in ideologischen Formen des Antisemitismus, Rassismus, Xenophobie, anti-muslimischem Rassismus notwendig, solange der Standpunkt von passiver Hinnahme nicht überwunden wird. So schreibt Guy Debord: Die „Bewegung [der Warenwelt] ist identisch mit der Entfernung der Menschen voneinander und ihrem Gesamtprodukt gegenüber.“ Der Mensch ist von der Gesellschaft, seinem eigenen Leben und seinen Mitmenschen abgetrennt und versucht diese Atomisierung in der elektronischen Konsumwelt zu kompensieren. „Die Vereinzelung begründet die Technik und der technische Prozess vereinzelt rückwirkend. Alle durch das spektakuläre System ausgewählten Güter, vom Auto bis zum Fernsehen sind auch seine Waffen, um beständig die Vereinzelungsbedingungen der „einsamen Masse“ zu verstärken.“ (§28) Diese Vereinzelung scheint mit einem S-Bahn-Waggon voller erwachsener Menschen, die ihre Zeit damit verbringen, drei gleichfarbige Kugeln in eine Reihe oder ihren zukünftigen Sexualpartner in die richtige Richtung zu wischen, eine qualitativ neue Stufe erreicht zu haben. Die Menschen sind vereinzelter denn je. Eine durch das Tauschprinzip gekittete Gesellschaft wird fortlaufend Hass, Ausgrenzung und Mord hervorbringen.

Dies gilt umso mehr für jenen Teil der Menschheit, der unter der fortschreitenden Krise der Überakkumulation aus der Verwertung herausfällt. Die These Debords: „Dort wo die materielle Grundlage noch fehlt, hat die moderne Gesellschaft bereits spektakulär auf die gesellschaftliche Oberfläche jedes Kontinents übergegriffen“, besitzt heute einen anderen Zeitkern. Sie müsste lauten: „Dort wo die materielle Grundlage fortschreitend entzogen wird, bleiben die Menschen in der Form des Spektakels gefangen.“ Während die europäischen Staaten sich militärisch gegen sie absichern, wagen Flüchtlinge in Christiano-Ronaldo-Trikots die tödliche Fahrt über das Mittelmeer. Kindersoldaten tragen Goldketten und hören Snoop Dogg, während sie sich mit billigsten Drogen berauschen. Beide sind auf der Suche nach Erfüllung eines Glücksversprechens, die es für sie niemals geben wird. Selbst die islamistischen Rackets des IS werben mit dem Slogan eines bekannten Sportartikelherstellers, möglichst viele Menschen mit sich in den Tod zu reißen: just do it!

Zwischenmenschliche Solidarität sowie Spontaneität scheint momentan nur als Komplement zu ihrem medial aufgebauschten Gegenteil zu bekommen zu sein. Es braucht Terroranschläge, damit Menschen sich der Kälte der bestehenden Verhältnisse wieder bewusst werden und versuchen, ein Zeichen dagegen zu setzen. Es braucht einen Präsidenten Donald Trump, damit Menschen zu hunderttausenden gegen die Unterdrückung von Frauen auf die Straße gehen. Und – hier schlägt sich der Bogen – es braucht vielleicht die Entlassung eines sehr sympathischen Dozenten, damit Studierende sich der Beschissenheit des Universitätsbetriebs – mit oder ohne ihn – und der Gesellschaft als Ganze bewusst werden. Es bräuchte ein Bewusstsein über die eigene Verstricktheit in Vorgeschichte, die Verdammnis zur passiven Hinnahme von Nicht-Wissen und Ausbeutung, der Trennung von einem wahren Leben und einer solidarischen Gesellschaft, um sich dem Ziel der Situationisten – der „weitesten emanzipierenden Veränderung von der Gesellschaft und dem Leben, in die wir eingeschlossen sind“ – anzunehmen. Wer lediglich altklug feststellt, dass diese Situation keine revolutionäre sei, statt aktiv auf eine solche hinzuarbeiten, macht sich zum Teil der Reaktion.

Das revolutionäre Interesse eines Studierendenprotests wäre die Universität von einer „institutionalisierten Organisation des Unwissens“ in einen Ort zu verwandeln, an dem noch eine ernsthafte Anstrengung unternommen wird das Unwesen der kapitalistischen Gesellschaft – das jeder Studentin auf dem Weg zur Uni in Form von Obdachlosen und Motz-Verkäufern in persona gegenübertritt – zu begreifen. In einen Ort, an dem die Dialektik von Produktivkraft und Produktionsverhältnissen wieder in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit Gesellschaft gestellt wird statt unschuldige Erst-Semester mit der Idiotie eines Niklas Luhmanns oder dem verräterischen Eklektizismus von Jürgen Habermas zu belästigen. Statt Faktoranalysen über das Wahlverhalten oder sonstigen Schwachsinn durchzuführen wäre darüber zu diskutieren wie bei heutigem Stand der Produktivkräfte weiterhin 30.000 Menschen täglich verhungern, ohne dass die Menschen eine andere Gesellschaft auch nur noch denken könnten. Denken hieße Widerstand, Einspruch. Aber wo sollte noch gedacht werden können, wenn nicht an der Universität, wo die Studierenden vom Zwang der Lohnarbeit noch weitestgehend befreit sind? Hans-Jürgen Krahl, einer der Vordenker des SDS in den 60er Jahren formuliert mit folgender Feststellung zugleich ein Programm: „Ohne die organisierte produktive wissenschaftliche Intelligenz [ist] die Bildung eines auf die bürgerliche Gesellschaft insgesamt bezogenen Klassenbewusstseins auch im Industrieproletariat unmöglich.“ Eine solche Bildung kann von keinem Institut, Dozent_innen oder sonst wem eingefordert werden, noch in viertelparitätisch besetzten Gremien durchgesetzt werden, sondern wäre einzig gegen die Universität als bestehende Institution durchzusetzen. Bei der Revolte im Jahr 1968 herrschte darüber ein klares Bewusstsein; der Anspruch der Proteste war kein anderer als mit allem Bestehenden zu brechen. Im Mai 1968 schickten die Situationisten folgende Botschaft an das Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam: „We are conscious of the fact that we are beginning to produce our own history.“

Wie eine Institutsbesetzung, die momentan für die Wiedereinstellung eines Dozenten gerade steht, sich für die folgende Forderung eines Besetzungskomitees einer Pariser Universität – ebenfalls im Mai 1968 – gewinnen ließe – „Besetzung der Fabriken, Alle Macht den Arbeiterräten, Abschaffung der Klassengesellschaft, Nieder mit der spektakulären Warengesellschaft, Abschaffung der Entfremdung, Ende der Universität“ – diese Frage wäre hier zu diskutieren.

Meinung: Essay ‚Die Stasi-Frage oder „Dürfen wir als emanzipatorische Linke einen ehemaligen Stasi-Mitarbeiter verteidigen?“‘

Seit dem Entfachen der Debatte um Andrej Holm ist das Thema „Stasi“ wieder im öffentlichen Diskurs angekommen. Und auch wir als Aktivist_innen und Besetzer_innen, die sich für Andrej Holm und seinen Verbleib an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) engagieren, sind uns der Wichtigkeit der Auseinandersetzung bewusst. Dieser Text versucht mit jener Auseinandersetzung zu beginnen und soll gleichzeitig als Antwort auf die stumpfe Argumentation von Holm-Gegner_innen dienen. Denn mit dem Scheinargument „Aber er war bei der Stasi!“ kommen wir in der Diskussion nicht weiter, lediglich verfestigen sich Fronten. Unser Ansatz als Besetzer_innen ist einer, der Diskussion zulässt, vielmehr sie forciert. Uns geht es um Kritik, um das Hinterfragen von Sachzwängen und Alltäglichkeiten. Und damit soll auch bei der Thematik des Umgangs mit einer Stasi-Vergangenheit Andrej Holms nicht Halt gemacht werden.

Wir besetzen das Institut für Sozialwissenschaften mit der Forderung Andrej Holm dort wieder zu beschäftigen und fühlen uns dadurch im Besonderen verpflichtet uns mit der Konstruktion von ostdeutschen Biografien vertraut zu machen. Denn auch hier lohnt es sich kritisch nachzufragen und die lückenhafte Erzählung wieder in den Fokus zu rücken.

Es muss die Frage gestellt werden dürfen, wie wir uns zur DDR und dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) positionieren. Gleichzeitig sollte auch beachtet werde, dass sich die Besetzung nicht aus einer Verteidigung jenes Staates und seinen Mitteln ergab, sondern aus der universitären Erfahrung mit einem kritischen Wissenschaftler. Dennoch ist uns bewusst, dass dieser Aspekt von Holms Vergangenheit ein nicht zu vernachlässigender ist.

Gleichsam ist zu vermerken, dass die Besetzung nicht den Anspruch hat und haben kann, alle Beteiligten auf einen Nenner zu bringen. Deshalb ist dieser Text als das zu werten, was er ist:: der Versuch der Formulierung von den Gründen einer Aktivistin an der Besetzung des ISW teilzunehmen und die Gedanken, die dieser Entscheidung vorangegangen sind. Auch ist nichts in diesem Text nicht diskutabel; es handelt sich um einen ersten Rundumschlag.

Denn im Gespräch mit Kommiliton_innen kam es immer wieder zu Diskussionen. Auch unsere Generation hat durch die Berichte der ostdeutschen Familien ein Bild von der DDR und einige Personen sprachen von einer direkten Erfahrung mit dem MfS: Eltern, die inhaftiert und abgehört wurden, Versuche von „Republikflucht“ und das Lebensgefühl der Unfreiheit.

Wir, als Besetzer_innen, wollen das nicht kleinreden und sehen unseren Protest nicht als Verteidigung einer Diktatur und eines Überwachungsstaates an. Uns geht es primär um die Entlassung als Dozent, die laut HU-Präsidentin Sabine Kunst (SPD) nicht aus dem Grund der Tätigkeit beim MfS Holms entschieden wurde, sondern wegen falscher Angaben in einem diesbezüglichen Fragebogen der Universitätsleitung. Aber es ist schwierig, die Debatten um studentische Mitbestimmung und eine Demokratisierung der Hochschule von den Umständen des Falles zu trennen.

Dieser Text hat nicht den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit; ich sehe davon ab mit Quellen zu arbeiten und versuche stattdessen prägnante und für mich tragende Gründe aufzuzählen und zu verdeutlichen, die für den Protest gegen die Entlassung Andrej Holms sprechen.

Wir Studierende sind (zumeist) nach 1989 geboren und haben damit einen anderen Zugang zur Debatte um eine DDR-Realität, da wir sie (zumeist) nicht direkt miterlebt haben. Meine persönliche Beschäftigung mit der DDR beschränkte sich bis zum Fall Holm auf die Wiedervereinigung und die sogenannte friedliche Revolution. Hier lässt sich der erste Vorteil des Trubels um die Causa Holm erahnen. Die, die sich für ihn einsetzen, sehen sich in der Position zu erfahren, was die DDR für ihre Bürger_innen und Bewohner_innen bedeutete. So finden sich im Programm der Besetzung immer wieder Veranstaltungen, die sich mit verschiedenen Aspekten einer ostdeutschen Realität, zu DDR-Zeiten und jetzt, beschäftigen.

Diese Veranstaltungen dienen nicht der angetäuschten Auseinandersetzung, die uns legitimiert, denn auch zehn Veranstaltungen können kein Abbild ergeben. Aber sie zeigen, dass unter den Studierenden der Wille vorhanden ist, sich Perspektiven auf die Diktatur geben zu lassen und diese kritisch zu diskutieren. Denn auch wenn wir zu jung erscheinen, können wir bei einigen Aspekten mitreden. Kontinuitäten in der Verschiedenheit von Ost- und Westdeutschland bekommen auch wir zu spüren.

Aber die Auseinandersetzung an sich kann nicht als das schlagende Argument zur Partizipation an jener Besetzung gelten. Sie ist ein notwendiger Faktor, ohne den sich die Besetzung und der Kampf für Andrej Holm delegitimieren würde. Dennoch muss eine aussagekräftige Argumentation weitergehen.

Die Frage, wie eine Person zu einer Überzeugung kommt, ist entscheidend für die Bewertung ebendieser. Und durch die Beschäftigung mit soziologischen Fragestellungen im akademischen Kontext gewinnt eine Theorie von Bedeutung. Sie geht davon aus, dass es keinen determinierten Weg gibt. Sie geht des Weiteren davon aus, dass Menschen dennoch keine völlig freien Entscheidungen treffen (können). Vielmehr entwickeln sich Meinungsansätze und Entscheidungstendenzen durch und über das Umfeld, oder anders gesagt über die Sozialisation.

Durch diese Herangehensweise an den Menschen, kann die Schuld für Entscheidungen nicht vollkommen bei der Person liegen. Um miteinander leben zu können, muss dennoch davon ausgegangen werden, dass der Mensch eine gewisse Entscheidungsfreiheit hat. Denn in den meisten Situationen werden alternative Möglichkeiten aufgezeigt, verschiedene Meinungen bekommen einen Raum.

Dieser Raum wird in einer Diktatur nicht gegeben. Die DDR hatte keine freie Presse, „problematische“ und „antisozialistische“ Personen wurden systematisch überwacht, eingeschüchtert und eingesperrt.

Andrej Holm kommt aus einer Familie, die die DDR unterstützte und selbst beim MfS aktiv war. Es war somit kein Zufall, dass eine Karriere bei ebendiesem Ministerium eine gangbare Zukunft darstellte.

Die Argumentation mit Sozialisationseffekten soll und darf Verhalten nicht entschuldigen. Mit ihr lässt sich dennoch erklären, warum Menschen zu bestimmten Zeitpunkten Entscheidungen treffen, die sie unter anderen Umständen nicht getroffen hätten. Sie darf nicht missbraucht werden und soll Holms Karrierewahl während seiner Jugend nicht vollkommen entschuldigen.

Und auch der Sozialisationseffekt stellt für mich nicht das tragende Argument dar. Denn bisher kann dieser Text als Rechtfertigung von Holm und uns, den Besetzer_innen, gelesen werden. Das ist jedoch nur möglich, wenn die Arbeit, die Andrej Holm aktuell leistet, nicht einbezogen wird.

Hier liegt für mich der Grund für die Legitimität des Protestes. Denn Holm steht in seiner politischen und wissenschaftlichen Arbeit den Prinzipien einer Diktatur konträr gegenüber. Zwar lassen sich Grundsätze, die die DDR für sich beanspruchte, in seiner Arbeit wiederfinden, jedoch liegt nun der Versuch vor, diese auf demokratischem Weg durchzuführen. Jene Grundsätze sind beispielsweise die Auffassung, dass Menschen das Recht auf eine Unterkunft haben oder dass es für den eigenen Werdegang nicht ausschlaggebend sein sollte, wie die Eltern wirtschaftlich gestellt sind.

Holm setzt sich für eine Demokratisierung der Stadt ein, für das Mitspracherecht aller, nicht nur jener, die über das Kapital verfügen, dass es zum Investieren braucht. In der Theorie um ein Recht auf Stadt und eine radikal demokratische Stadt geht es um eine Stadt von unten, um Selbstorganisierung und die Möglichkeit aller, ihre Wünsche mit den anderen Bewohner_innen zu diskutieren und umzusetzen. Es geht um ein Recht auf Stadt, um eine radikale Demokratie, die es schafft, dass die Stadt keinen Ausschluss produziert. Es geht um eine Stadt, die die Möglichkeit eröffnet, dort zu leben, wo du es willst. Das Argument, dass nicht alle Menschen in Mitte leben können, ist absurd, da nicht alle Menschen in Mitte leben wollen. Durch die Beschäftigung und das Einbringen eigener Fähigkeiten und Ideen in Kieze, wird der eigene Kiez das Zentrale und die Mitte der Stadt wird neu definiert.

Dieser Vorschlag klingt utopisch, aber Holm versuchte durch die Umsetzung der Wissenschaft in konkrete realpolitische Forderungen jener Utopie näher zu kommen, wie durch die Zusammenarbeit mit Mieter_inneninitiativen. Diese Initiativen bieten allen Anwohner_innen die Möglichkeit sich für die Belange des Wohnumfeldes einzusetzen. Sie stellen dabei basisdemokratische Gruppen dar, in denen sich alle Menschen engagieren können.

Die inhaltliche Diskussion eines Rechts auf Stadt soll in diesem Essay nur sehr abgekürzt stattfinden, da es zu dieser Thematik wesentlich ausführlichere Texte gibt. Es soll hier nur verdeutlicht werden, dass in der Form der wissenschaftlichen Auseinandersetzung Holms mit dem Thema Stadt deutlich wird, dass Demokratie, als Partizipation aller, im Vordergrund steht.

Und genau diese Forderung nach einer Demokratisierung durchzog auch Holms Lehre. Er versuchte in seinen Seminaren Hierarchien abzubauen und mit den Studierenden auf einer Augenhöhe zu sprechen. Es ging nicht um eine geordnete Disziplin, um der Disziplin willen, sondern um eine gemeinsame Beschäftigung, die davon profitiert, dass alle mit verschiedenen Fähigkeiten und unterschiedlichen Wissensschwerpunkten in das Seminar kommen.

Das sind die Punkte, die mich davon überzeugt haben, dass der Protest für Andrej Holm ein Projekt ist, dass uns allen nutzt. Es geht um einen Kampf um Mitbestimmung, um die Verwirklichung einer radikalen Demokratie in Stadt, Universität und Gesellschaft im Ganzen.

Und dennoch hat der öffentliche Diskurs in Berlin, der hauptsächlich gegen Holm arbeitete, etwas Gutes an sich. Damit soll der letzte Punkt auf der Liste ausformuliert werden. Durch die Affäre wurde das Thema „Überwachung“ wieder präsenter und die Möglichkeit den Diskurs um Freiheit und Überwachung und die Rolle des Staates als Verfechter einer Bespitzelung im angeblichen Dienste der Sicherheit in den Fokus zu rücken tut sich erneut auf. Eine Kritik des Staates und die Erörterung alternativer Modelle zur Organisierung einer Gesellschaft können ein Resultat der Auseinandersetzung sein. Denn die Kritik an der DDR muss nicht in die Lobpreisung der parlamentarischen Demokratie und des Kapitalismus als Lösungen für die dort entstandenen Probleme enden.

Damit endet dieser Text, in dem die Position einer Besetzerin in Bezug auf die Stasi-Vergangenheit Andrej Holms verdeutlicht werden soll. Andrej Holm hat sich in seiner politischen und wissenschaftlichen Praxis von seiner Vergangenheit durch direkte Anwendung basisdemokratischer Prinzipien distanziert. In Solidarität mit ihm, seinem Arbeitskampf, den Kämpfen der Mieter_inneninitiativen und hochschulpolitischen Bewegungen, versuchen wir unsere Position zu verdeutlichen. Wir kämpfen nicht für Unterdrückung und den Wiederaufbau oder die Relativierung einer Diktatur, sondern für eine emanzipatorische, radikal demokratische Gesellschaft, die Gegebenheiten hinterfragt. Wir lassen uns nicht in die Rolle der Verteidigung eines Systems drängen, sondern versuchen durch unsere Besetzung einen Gegenentwurf aufzubauen.

Erlebnisbericht zur Intervention im „Sophie Charlotte“

Folgende Eindrücke der Störung beim letzten Salon Sophie Charlotte unter dem Titel „REBELLIONEN, REVOLUTIONEN ODER REFORMEN?“ erreichte uns per Email von einer Aktivist*in:

Es war schon eine paradoxe Situation, eine theoretische Veranstaltung zum Thema Revolution mit Frau Kunst als Schirmherrin trifft die Besetzung des ISW – praktische, gelebte Revolution. Und es mutet merkwürdig an, dass scheinbar niemand mit dieser Aktion gerechnet hat, denn wie berichtet wurde, gab es keinerlei Wachpersonal und die Überraschung war augenscheinlich groß. Mancher Leute Blick war so vernebelt von Eleganz und elitärem Gehabe, dass man die solidarischen Studis anfangs sogar für einen Teil des Programms hielt – so wurde uns von einem älteren Herrn berichtet, der eine vorbeilaufende Aktivistin ganz unbedarft fragte ob sie denn auch zum Programm gehören würde.

Tatsächlich lag diese Frage innerhalb der ersten 30 Sekunden recht nah, bestand der erste Teil des Sprechchors doch aus „Revolution?“ – „Hier!“ und hätte durchaus als freie Interpretation eines Gastbeitrags aufgefasst werden können. Doch was darauf folgte, nämlich „Wer?“ – „Wir!“ und schließlich „Holm?“ – „Bleibt!“ vertrieb diese Idee sehr schnell aus den Köpfen der Anwesenden, und man blickte in ein Mienenspiel, bei dem von verblüfft (Joschka Fischer) über neugierig bis fassungslos (Herfried Münkler) jegliche Gefühlslage vertreten war. Augenzeugenberichten zu Folge kam es nun zur friedlichen Übernahme des Podiums durch die Aktivist*innen, und einer liebevollen Konfettischlacht, die Frau Kunst erstmal dazu bewegte sich ihrem Wasserglas zu widmen. Ob ihr Hals trocken war oder nicht, ganz egal, denn das Mikrofon war zu diesem Zeitpunkt bereits in den Händen der Aktivist*innen, die – gut vorbereitet, wie sie nunmal waren – eine Rede vorbereitet hatten, die sie an Stelle der Eröffnung durch Frau Kunst vortragen wollten. An dieser Stelle kurzen Dank an die Menschen von Kulturradio, die einen eigenen Infostand unter dem Motto „Die Kunst zu hören“ aufgebaut hatten – Großartiges Wortspiel! Denn Frau Kunst war definitiv nicht zu hören. Stattdessen folgte der erste Teil der Rede, ohne nennenswerte Gegenrede, von standardmäßigen Buhrufen mal abgesehen, doch dann wurde das Mikrofon ausgeschaltet. Die Gegenrede wurde lauter, man hörte Rufe wie „Holm interessiert uns nicht!“ und ganz elitär geschriene Gefühlsbekundigungen wie „Ihr nervt!“, doch die engagierten Aktivist*innen hatten mitgedacht und ein Megafon dabei. Trotzdem litt die Verständlichkeit der Redner*innen darunter und der zweite Teil der Rede ging ein wenig unter. Klopapier und Konfetti wurde trotzdem weiterhin geworfen. Die anschließende Resonanz lässt sich leicht zusammenfassen: weitere Buhrufe, Gesichter voller Fragezeichen und tatsächlich vereinzelter Applaus.

Dass das elitäre Publikum von praktischer Revolution, und damit verbundenem Aktionismus, der sich eben gerade auf das Stören derartiger Veranstaltungen von besagten Eliten bezieht, nicht allzu viel hält, äußerte sich in folgender Frage, von welcher die Aktivist*innen berichteten: „Könnt ihr Revolutionäre hinterher auch aufräumen?“. Könnten wir, liebe Fragesteller*in, aber wir sind zu sehr damit beschäftigt, mit euch aufzuräumen.