Meinung: Über die Revolte, oder: Was Trump und Holm eint.

von AK Gesellschaftskritik

Vor vier Tagen, am 20.01.2017, wurde Donald J. Trump, der nach der Veröffentlichung seiner sexistischen Ausfälle bereits als abgeschrieben galt, zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Weltweit gingen Menschen zu Hunderttausenden auf die Straße um ihren Unmut darüber auszudrücken, vereinigt unter der Frage „Wie konnte das bloß geschehen?“ Sofern sie sich die Frage nicht umgehend durch antiamerikanische Ressentiments selbst beantworteten, sondern sich des Vormarschs rechtspopulistischer Bewegungen in Europa, von Orban über die AFD bis zum Front National unter Marine Le Pen in Frankreich, gewahr wurden, haben die Soziologen und Politiker der herrschenden Verhältnisse die Antwort parat: es sind die zu kurz Gekommenen, die Angst vor dem Fremden haben. Jene, die sich nach einem starken Mann sehnen, der alles wieder richtet und fälschlicherweise die verantwortlich machen, die doch am allerwenigsten dafür können: nämlich jene, die noch weniger haben.

So sehr diese Feststellungen auf der Erscheinungsebene stimmen mögen und die entscheidenden Ursachen des offen zu Tage tretenden Rechtsrucks in den westlichen Gesellschaften zumindest ankratzen, als so ungenügend erweisen sie sich, wenn man sich die realpolitischen Konsequenzen, die daraus gezogen werden, anschaut. Während die einen den ewig Rückständigen mit „BUNT statt BRAUN“-Schildern endlich klarmachen wollen, dass der Islam jetzt zu Deutschland gehört und Multi-Kulti der Volkswirtschaft tatsächlich auch zuträglich ist, merken die anderen, dass man da irgendwo jemanden (weiß, männlich, arbeitslos und alkoholabhängig) vergessen habe, der endlich wieder mitgenommen werden muss. Letztendlich also eine Frage mangelnder Aufklärung und sozialpolitischer Makulatur.

So ehrenwert diese Versuche im Einzelnen sein mögen, so sehr zeugen sie von einem Unverständnis von den gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich mit der ursprünglichen Akkumulation im 16. Jahrhundert begannen durchzusetzen und in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg in dem kulminierten, was Guy Debords, der Wortführer der Situationistischen Internationale, als die „Gesellschaft des Spektakels“ bezeichnete. So schreibt Anselm Jappe: „According to Marx, money accumulated beyond a certain threshold is transformed into capital; according to Debord, capital accumulated beyond a certain threshold is transformed into images.“ Zu deutsch: „Das Spektakel ist das Kapital, das einen solchen Akkumulationsgrad erreicht, dass es zum Bild wird.“ Der Fetisch kapitalistischer Gesellschaften hat sich potenziert und die ungeheure Warensammlung in einer ungeheuren Sammlung von Bildern aufgehoben. Sie ist dabei jedoch „nicht ein Ganzes von Bildern, sondern ein durch Bilder vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis zwischen Personen.“ Hiermit sind also keineswegs bloß die Auswüchse im Pay-TV, der Werbung und den Konsumorgien des Black Fridays gemeint, sondern eine gesellschaftliche Totalität, die alle zwischenmenschlichen Beziehungen in sich einschließt. Die Gesellschaft des Spektakels bezeichnet also ebenso wie die Kulturindustrie bei Theodor W. Adorno und Max Horkheimer nicht eine abgetrennte Sphäre, die es einfach abzuschaffen gelte, um die wahren Beziehungen der Menschen wieder zum Vorschein kommen zu lassen, sondern formt alle zwischenmenschlichen Beziehungen nach ihrem Bilde. „In der Tat ist es der Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis, in dem sich die Einheit des Systems immer dichter zusammenschließt.“ Nirgendwo wird dieses „durch Bilder vermittelte gesellschaftliche Verhältnis“ heutzutage deutlicher als in der scheinbar größtmöglichen Unmittelbarkeit zweier Menschen, im Sexualakt, der sich an den Bildern der omnipräsenten Porno-Industrie ausrichtet.

Nimmt man die Gesellschaftsanalysen Adornos und Horkheimers sowie die der Situationistischen Internationale zum Ausgangspunkt, wäre die Frage bezüglich des Wahlsiegs Donald Trumps anders zu stellen. Die Frage, „wie es so weit kommen konnte?“, wäre durch die Frage „was verraten uns diese und ähnliche Ereignisse über die Konstitution der gesellschaftlichen Verhältnisse?“ zu ersetzen. Wie Freud sich über die Hysterie einen Zugang zur menschlichen Psyche und den Auswirkungen der Sexualmoral seiner Zeit auf diese verschaffte, wäre der Zeitkern des andauernden Spektakels vielleicht nur noch über Känguru-Hoden essende C-Promis und den locker room talk eines Donald J. Trumps zu erschließen. Die oberflächlichen Analysen positivistischer Soziologen bezüglich dessen Wahlsieg müssten zugleich in Vermittlung mit einer radikalen Kritik der Gesellschaft des Spektakels gesetzt werden. Die Ware, beziehungsweise der von Debord entwickelte Begriff des Bildes bleiben die Universalkategorie, die gesellschaftliche Totalität konstituiert. Darauf ist gegen Positivismus und Postmoderne zu insistieren.

Guy Debord: „Die durch das Spektakel prinzipiell geforderte Haltung ist diese passive Hinnahme, die es schon durch seine Art, unwiderlegbar zu erscheinen, durch sein Monopol des Scheins, faktisch erwirkt hat.“ Die Aussage Trumps „to make America great again“ trifft damit ein Bedürfnis, das eine Gesellschaft, die ihre Mitglieder zur bloßen Kontemplation und der Akzeptanz der Auswüchse einer zur zweiten Natur gewordenen Gesellschaft zwingt, konstitutiv und in Permanenz hervorbringt. Angesichts der Ohnmacht gegenüber der aufgezwungenen Passivität, die auch durch ein iPhone 17 nicht wett gemacht werden kann, bleibt nur der Ruf nach einem – sich zu einer Art Gottheit stilisierenden – starken Mann, der sich bei Fortbestand der eigenen Passivität um den ganzen Unmut angesichts der eigenen Nichtigkeit kümmert. Kontemplation und der autoritäre Charakter bedingen sich wechselseitig.

Der Grund der sich Alltag nennenden Misere ist dabei immer schon im Fremden gefunden worden. Die zwischenmenschliche Kälte einer Gesellschaft, in der sich „jeder zu wenig geliebt fühlt, weil keiner mehr lieben kann“ (Adorno) macht die Verarbeitung der eigenen Unzufriedenheit in ideologischen Formen des Antisemitismus, Rassismus, Xenophobie, anti-muslimischem Rassismus notwendig, solange der Standpunkt von passiver Hinnahme nicht überwunden wird. So schreibt Guy Debord: Die „Bewegung [der Warenwelt] ist identisch mit der Entfernung der Menschen voneinander und ihrem Gesamtprodukt gegenüber.“ Der Mensch ist von der Gesellschaft, seinem eigenen Leben und seinen Mitmenschen abgetrennt und versucht diese Atomisierung in der elektronischen Konsumwelt zu kompensieren. „Die Vereinzelung begründet die Technik und der technische Prozess vereinzelt rückwirkend. Alle durch das spektakuläre System ausgewählten Güter, vom Auto bis zum Fernsehen sind auch seine Waffen, um beständig die Vereinzelungsbedingungen der „einsamen Masse“ zu verstärken.“ (§28) Diese Vereinzelung scheint mit einem S-Bahn-Waggon voller erwachsener Menschen, die ihre Zeit damit verbringen, drei gleichfarbige Kugeln in eine Reihe oder ihren zukünftigen Sexualpartner in die richtige Richtung zu wischen, eine qualitativ neue Stufe erreicht zu haben. Die Menschen sind vereinzelter denn je. Eine durch das Tauschprinzip gekittete Gesellschaft wird fortlaufend Hass, Ausgrenzung und Mord hervorbringen.

Dies gilt umso mehr für jenen Teil der Menschheit, der unter der fortschreitenden Krise der Überakkumulation aus der Verwertung herausfällt. Die These Debords: „Dort wo die materielle Grundlage noch fehlt, hat die moderne Gesellschaft bereits spektakulär auf die gesellschaftliche Oberfläche jedes Kontinents übergegriffen“, besitzt heute einen anderen Zeitkern. Sie müsste lauten: „Dort wo die materielle Grundlage fortschreitend entzogen wird, bleiben die Menschen in der Form des Spektakels gefangen.“ Während die europäischen Staaten sich militärisch gegen sie absichern, wagen Flüchtlinge in Christiano-Ronaldo-Trikots die tödliche Fahrt über das Mittelmeer. Kindersoldaten tragen Goldketten und hören Snoop Dogg, während sie sich mit billigsten Drogen berauschen. Beide sind auf der Suche nach Erfüllung eines Glücksversprechens, die es für sie niemals geben wird. Selbst die islamistischen Rackets des IS werben mit dem Slogan eines bekannten Sportartikelherstellers, möglichst viele Menschen mit sich in den Tod zu reißen: just do it!

Zwischenmenschliche Solidarität sowie Spontaneität scheint momentan nur als Komplement zu ihrem medial aufgebauschten Gegenteil zu bekommen zu sein. Es braucht Terroranschläge, damit Menschen sich der Kälte der bestehenden Verhältnisse wieder bewusst werden und versuchen, ein Zeichen dagegen zu setzen. Es braucht einen Präsidenten Donald Trump, damit Menschen zu hunderttausenden gegen die Unterdrückung von Frauen auf die Straße gehen. Und – hier schlägt sich der Bogen – es braucht vielleicht die Entlassung eines sehr sympathischen Dozenten, damit Studierende sich der Beschissenheit des Universitätsbetriebs – mit oder ohne ihn – und der Gesellschaft als Ganze bewusst werden. Es bräuchte ein Bewusstsein über die eigene Verstricktheit in Vorgeschichte, die Verdammnis zur passiven Hinnahme von Nicht-Wissen und Ausbeutung, der Trennung von einem wahren Leben und einer solidarischen Gesellschaft, um sich dem Ziel der Situationisten – der „weitesten emanzipierenden Veränderung von der Gesellschaft und dem Leben, in die wir eingeschlossen sind“ – anzunehmen. Wer lediglich altklug feststellt, dass diese Situation keine revolutionäre sei, statt aktiv auf eine solche hinzuarbeiten, macht sich zum Teil der Reaktion.

Das revolutionäre Interesse eines Studierendenprotests wäre die Universität von einer „institutionalisierten Organisation des Unwissens“ in einen Ort zu verwandeln, an dem noch eine ernsthafte Anstrengung unternommen wird das Unwesen der kapitalistischen Gesellschaft – das jeder Studentin auf dem Weg zur Uni in Form von Obdachlosen und Motz-Verkäufern in persona gegenübertritt – zu begreifen. In einen Ort, an dem die Dialektik von Produktivkraft und Produktionsverhältnissen wieder in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit Gesellschaft gestellt wird statt unschuldige Erst-Semester mit der Idiotie eines Niklas Luhmanns oder dem verräterischen Eklektizismus von Jürgen Habermas zu belästigen. Statt Faktoranalysen über das Wahlverhalten oder sonstigen Schwachsinn durchzuführen wäre darüber zu diskutieren wie bei heutigem Stand der Produktivkräfte weiterhin 30.000 Menschen täglich verhungern, ohne dass die Menschen eine andere Gesellschaft auch nur noch denken könnten. Denken hieße Widerstand, Einspruch. Aber wo sollte noch gedacht werden können, wenn nicht an der Universität, wo die Studierenden vom Zwang der Lohnarbeit noch weitestgehend befreit sind? Hans-Jürgen Krahl, einer der Vordenker des SDS in den 60er Jahren formuliert mit folgender Feststellung zugleich ein Programm: „Ohne die organisierte produktive wissenschaftliche Intelligenz [ist] die Bildung eines auf die bürgerliche Gesellschaft insgesamt bezogenen Klassenbewusstseins auch im Industrieproletariat unmöglich.“ Eine solche Bildung kann von keinem Institut, Dozent_innen oder sonst wem eingefordert werden, noch in viertelparitätisch besetzten Gremien durchgesetzt werden, sondern wäre einzig gegen die Universität als bestehende Institution durchzusetzen. Bei der Revolte im Jahr 1968 herrschte darüber ein klares Bewusstsein; der Anspruch der Proteste war kein anderer als mit allem Bestehenden zu brechen. Im Mai 1968 schickten die Situationisten folgende Botschaft an das Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam: „We are conscious of the fact that we are beginning to produce our own history.“

Wie eine Institutsbesetzung, die momentan für die Wiedereinstellung eines Dozenten gerade steht, sich für die folgende Forderung eines Besetzungskomitees einer Pariser Universität – ebenfalls im Mai 1968 – gewinnen ließe – „Besetzung der Fabriken, Alle Macht den Arbeiterräten, Abschaffung der Klassengesellschaft, Nieder mit der spektakulären Warengesellschaft, Abschaffung der Entfremdung, Ende der Universität“ – diese Frage wäre hier zu diskutieren.

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